Tagebuch von Hervé Barmasse

Hervé Barmasse zählt zu den weltweit besten Alpinisten. Im Jahr 2010 bricht er mit einer The North Face Winter-Expedition nach Pakistan auf.
Seine Erlebnisse, Abenteuer und Gedanken hat Hervé unterwegs in einem Tagebuch festgehalten, welches wir in den nächsten Wochen hier auf Discover-Outdoor Stück für Stück vorstellen werden.
Als The North Face entschied, „Pakistan Winter Sport“ zu finanzieren, sah ich diesem neuen Abenteuer glücklich und motiviert entgegen. Gleichzeitig jedoch trug ich eine große Verantwortung: Ich war der Kopf hinter diesem Winterprojekt, das mir als Bergsteiger sehr am Herzen lag und außer bergsteigerischen auch humanistische und soziale Ziele hatte. Über die Eröffnung von neuen Eisrouten und langen Ski-Abfahrten in unerforschten Bergregionen hinaus sollte ich innerhalb dieser Expedition mein Wissen als Ausbilder für Bergführer und Rettungsspezialist an die Shimshal Climbing School weitergeben. Die Absicht war, einer Dorfgemeinschaft von Trägern zu helfen, sich in den Bereichen Sicherheit und Technik weiterzuentwickeln. Darüber hinaus wollten wir mit Unterstützung durch Dr. Marco Cavana eine Klinik organisieren, die sich mit den für diese Region typischen medizinischen und sanitären Problemen befasst.
Der pakistanische Winter, Shimshal und seine Träger
Shimshal-Tal, 20. Januar 2010
Wir sind die fünfzehnte alpine Winter-Expedition in der Geschichte Pakis- tans. Ich werde von den Bergsteigern Kris Ericson und Eneko Pou, dem Journalisten und Alpinisten Oscar Gogorza und Dr. Marco Cavana begleitet. Wir sind im Norden, in der Region Gilgit-Baltistan, nahe der chinesischen Grenze.
Anders als im Sommer, wenn Kornfelder, Bäume und grüne Weiden Kon- traste zur braunen Farbe der Felsen und der trockenen Erde bilden, ist jetzt alles grau, ähnlich wie in einem Schwarz-Weiß-Film. Auch in tieferen Lagen ist es kalt, und über 1600 m ist alles gefroren.
In unserem Jeep kriechen wir auf einer holprigen, unterbrochenen Straße entlang, die dem Pfad unserer Maultiere ähnelt. Die Zufahrtstraße zum Ort Shimshal wurde buchstäblich in den Berg geschlagen, dank der Willenskraft ihrer Einwohner. Sie wurde ohne mechanische Hilfsmittel in 23 Jahren harter Arbeit nur mit Hacke und Schaufel gebaut. Allein für dieses spekta- kuläre Abenteuer im Geländewagen lohnt sich eine Reise nach Pakistan.
Shimshal ist ein Dorf mit 2000 Einwohnern, das 600 Jahre lang beinah voll- ständig vom übrigen Pakistan isoliert war. Obwohl sie die islamischen/ ismailitischen Wurzeln beibehalten haben, erscheinen die Menschen weniger streng und offener als andere pakistanische Bergbewohner. Sogar die Frauen bestätigen diesen Eindruck: Sie verstecken sich nicht und beantworten unser Winken mit einem Lächeln. Im Dorf gibt es kein fließendes Wasser, weder Telefone noch Fernseher. Nur ein paar Familien haben kleine Sonnenkollektoren installiert, die ihnen in den langen Winternächten drei Stunden Licht am Stück garantieren. Es gibt drei Moscheen und eine Schule – keineswegs selbstverständlich in Pakistan –, zu der die Schüler gehen, nachdem sie Holz gesammelt haben. Alle Schüler lernen Englisch, und diejenigen, die es sich leisten können, werden mit 17 ihre Ausbildung in Gilgit fortsetzen. Es gibt keine Ärzte, das nächste Krankenhaus befindet sich in Gulmit (heute erreicht man es in einer Stunde, vor dem Bau der Straße dauerte es sechs Tage), wo ein Arzt sich um alle Notfälle kümmert, auf hochentwickelte medizinische Ausstattung kann er dabei allerdings nicht zurückgreifen.
Die Gemeinschaft hält fest zusammen und die Einwohner helfen einander wie in einer großen Familie. Jedes Problem ist ein Problem für Shimshal und nicht für eine einzelne Person. Kartoffeln, Reis, Chapattis, Linsen, Erbsen und Bohnen werden sorgfältig eingeteilt, damit uns die Vorräte nicht vor dem nächsten Nachschub ausgehen. Ab und zu kriegen wir Ziegen- oder Yakfleisch zu essen. Anders als im Sommer gibt es keine Hühner, weil sie die harschen Temperaturen der Wintermonate nicht überleben würden. Das Yak ist typisch für Shimshal. Man trifft diese Tiere selten in Pakistan, aber im Shimshal-Tal, entlang der chinesischen Grenze, leben Tausende von ihnen wild.
„Malida“ (Chapatti, Käse, Butter und Salz), „Graal“ (Chapatti, Gewürze, Butter und Salz) oder „Chalpindook“ (Chapatti und Käse) sind Arme-Leute-Gerichte und typisch für die Region, sie werden beinahe jeden Tag gegessen.
Die Temperatur während der fünf Wintermonate bleibt durchgehend um einiges unter Null – von minus 12 °C bis minus 20 °C − und zu Hause am Holzofen wird es selten wärmer als 5 °C. Man bekommt den Eindruck, dass dieses Land im Winter auf dieselbe Weise geduldig auf den Sommer wartet, wie unsere Vorfahren in den Alpen es vor 150 Jahren taten. Sogar die Häuser haben eine besondere Struktur. Ein einziger Raum mit einem Holzofen in der Mitte und einer Öffnung im Dach beherbergt die ganze Familie: Großeltern, Eltern und Kinder. Sie kochen, schlafen und leben in ein und demselben Raum. Die Wintertage haben für die Einwohner von Shimshal immer denselben Ablauf: Morgens bereiten die Frauen Frühstück mit Tee und Milch und Chapattis, die in geschmolzene Butter getunkt werden. Bevor sie zur Schule gehen, sammeln die Töchter Holz oder holen Wasser. Eine Quelle, die einzige, die nicht zufriert, versorgt das gesamte Dorf mit Trinkwasser. Den ganzen Tag warten Frauen geduldig, bis sie an der Reihe sind, ihre Wasserkrüge zu füllen. Die Männer bauen die Häuser und halten sie instand, hacken Holz, errichten Mauern und warten auf den Sommer, um als Hochgebirgs-Träger zu arbeiten. Über 40 Einwohner des Dorfs Shimshal habeneinen 8000er bestiegen und Rajab Shan, der einzige Pakistani, der alle 8000er Gipfel des Karakorum erklommen hat, wurde hier geboren − er gilt in ganz Pakistan als Held.
In Todesnähe
Ich habe immer versucht, um das Thema Tod einen Bogen zu machen, als ob es mich nicht beträfe, als ob ich irgendwie immun gegen Gefahren wäre. Dabei weiß ich natürlich sehr gut, dass das weit von der Wahrheit entfernt ist, dass die Geschichte des Alpinismus uns das genaue Gegenteil erzählt: Für diejenigen, die Zeit in den Bergen verbringen, ist der Tod keine ferne Realität. Und wenn ein Todesfall eintritt, machen wir das Schicksal verantwortlich, auch wenn wir wissen – oder zumindest sollte man sich als Bergsteiger dessen voll bewusst sein –, dass der wahre Grund oft einfach ein technischer Fehler oder eine falsche Einschätzung ist. Wir tun das, weil es dadurch einfacher ist, wieder mit dem Klettern anzufangen, ein neues Kapitel aufzuschlagen und so bald wie möglich in die Berge zurückzukehren. Und wenn es das Ende wäre? Wie oft haben wir innegehalten und über diese Möglichkeit nachgedacht, wenn wir eine neue Route in Angriff genommen haben? Mit Professionalität und Abstand sind wir immer in der Lage, die Gefahren in den Aufstiegen anderer zu erkennen, unsere eigenen verstehen wir jedoch nicht.
Shimshal-Tal, 22. Januar 2010
Kubikmetergroße Felsbrocken fliegen über meinen Kopf wie Geschosse. Ich klammere mich an meine Eispickel, das letzte bisschen Schutz befindet sich viele Meter unter meinen Füßen. Ich kann nichts tun, als aufzublicken und zu hoffen, dass ich nicht getroffen werde. Ich befinde mich unfreiwillig mitten in einem Krieg und kämpfe ums Überleben. Ich bin sicher, dass ich bald tot sein werde, aber gleichzeitig will ich mich nicht ergeben und versuche, unbeweglich zu bleiben, bereit, etwaigen Stößen auszuweichen, bereit, mich als letzte Rettung ins Nichts zu stürzen.
Ich sehe eine Lawine aus Schnee und Geröll abgehen. Ich starre sie wie versteinert an. Ich umklammere die Eispickel noch fester, senke den Kopf, blicke auf meine Füße und warte auf den Aufprall, der mich davonfegen wird in den Tod. Ich habe oft sagen hören, dass man in Situationen, in denen man sicher ist, sterben zu müssen, das eigene Leben wie einen Film vor sich ablaufen sieht, bei dem die wichtigsten Augenblicke hervorgehoben sind … Nichts davon ist wahr. In diesem Moment gab es in meinem Kopf nur Platz für einen einzigen Gedanken: Du musst leben. Und ich fragte mich, welchen Sinn dieser Augenblick oder sogar meine Vergangenheit machte, wenn es keine Hoffnung auf eine Zukunft gibt?
Mit dem eisernen Willen von jemandem, der ums Überleben kämpft, und mit aller körperlicher Kraft schaffe ich es, die Lawine zu vermeiden. Einen Augenblick lang ist alles still, alles ruhig. Dann wird die Stille gebrochen, meine Partner rufen mir zu, ich solle so schnell wie möglich herunterkommen. Es scheint alles vorüber zu sein, bis ich aufblicke und einen riesigen Felsbrocken in der Größe eines Autos auf mich zukommen sehe.
Nun bin ich sicher.
Nun ist es endgültig vorbei.
Mein Körper ist vor Schreck wie gelähmt. Das Gefühl von Klarheit, das ich bis dahin hatte, verschwindet. Starke Adrenalinstöße machen es mir unmöglich, klar zu denken. Ich bewege mich so nah ich kann an die Eiswand heran und umklammere die Eispickel so fest ich kann, dann warte ich mit geschlossenen Augen auf den Aufprall. Etwas schrammt an mir entlang, ich werde von Schnee getroffen. Ich öffne meine Augen und gehe ein paar Schritt herunter.
Der Alptraum ist vorbei.
Ich lebe noch.
Ich setze eine Schraube in eine Schicht Eis zu meiner Linken und steige schnell zu meinen Partnern herab, die mich mit mütterlichem Instinkt in den Arm nehmen und mich zu der Höhle führen, in der sie Schutz gefunden haben.
Ich kann nicht stillhalten. Das Adrenalin durchflutet meinen Körper und ich bewahre trotzig Haltung. Vor den Augen meiner erstaunten Freunde tue ich so, als wäre nichts gewesen. Sie müssen denken, ich bin verrückt, und das mit Recht. Mehrere Minuten verstreichen und mich überfällt ein Gefühl der Leere. Still und verwirrt mache ich mich auf den Weg nach Shimshal.
Shimshal Climbing School: eine Schule der Hoffnung für Frauen
Eine Konstante durchzieht die gesamte Geschichte des Himalaya-Alpinismus und verbindet alle Expeditionen: die Arbeit der Träger. Mit großer Professionalität und Hingabe helfen die Träger bei der Realisierung der Träume vieler passionierter Bergsteiger, je nach Situation mit unterschiedlichen Mitteln. Wie im 18. Jahrhundert in den Alpen werden hier im Himalaya diese Hochgebirgsbewohner und Experten mit ihrem enormen Wissen über ihr Land die zukünftigen Bergprofis, die zukünftigen Bergführer werden.
Es ist eine Geschichte, die sich wiederholt, zu der wir beitragen können, indem wir versuchen, diesen Prozess etwas zu beschleunigen, indem wir ein paar Himalaya-Familien ermöglichen, vom Bergtourismus zu leben.
Shimshal-Tal, 23./25. Januar 2010
Es ist das zweite Mal, dass ich nach Shimshal komme. Das erste Mal war mit Simone Moro im Sommer 2008. Er war es, der mich zur Shimshal Climbing School gebracht hat.
Eine Einrichtung wie die Shimshal Climbing School ist in anderen Teilen Pakistans etwas ziemlich Außergewöhnliches, bzw. nicht Existentes. Diese Bergsteigerschule sieht sogar die aktive Teilnahme von Frauen vor.
Nach der großen Angst widmeten wir dieser Schule einige Tage mit theoretischem und praktischem Unterricht über Knoten, Anseilen, Fixpunkte und Eisklettern. Neue, von Kong bereitgestellte technische Ausrüstung wurde präsentiert, wir sahen Bergfilme und dank der Mitarbeit von Dr. Marco Cavana wurde demonstriert, was bei Fällen von Höhenkrankheit zu tun ist. Vierzig Schüler nahmen am Unterricht teil. Zwölf davon waren lächelnde junge Frauen mit neugierigem Blick, rosiger Gesichtsfarbe und von der Feldarbeit und dem schlechten Wetter strapazierten Händen. Sie saßen vor mir und ich konnte mir nicht verkneifen, neugierig ihren Ausdruck zu beobachten, während sie versuchten, die Benutzung von Klemmgeräten zu verstehen. Ein Gefühl der Zärtlichkeit ergriff mich. Vielleicht wird in naher Zukunft eine von ihnen den K2 erklimmen und damit ein neues Kapitel des pakistanischen Alpinismus schreiben.
Der Prozess der Emanzipation der Frauen in Pakistan begann vor langer Zeit, aber die Wirklichkeit ist immer noch weit entfernt von einem Zustand, der als Gleichberechtigung beschrieben werden könnte. Den meisten Frauen in der pakistanischen Gesellschaft werden Grundrechte vorenthalten. Vorerst bleibt die Gleichheit zwischen Mann und Frau Zukunftsmusik. Erst in den letzten Jahren haben wir einen Blick auf ein paar konkrete Veränderungen erhalten: Mädchen gehen in die Schule, später zur Universität und können, dank der Aga Khan Foundation, besonders in der Region Gilgit-Baltistan, eine bestimmende Rolle bei der Veränderung dieses Landes übernehmen.
Vierhundert Meter vor dem Gipfel
Yasghil-Tal, 1./2. Februar 2010
Das Thermometer in unserem Zelt zeigt 22 °C unter Null. In den letzten Tagen herrschte konstant schlechtes Wetter, aber an diesem Morgen ist es schön und die Luft ist klar, ohne Feuchtigkeit. Schweigend genießen wir diese letzten Minuten Wärme in unseren Schlafsäcken, bevor wir unseren Tag beginnen. Kris macht den Ofen an und ich drehe die Musik auf, der Klang aus den kleinen tragbaren Boxen lässt zu wünschen übrig. Wir nehmen ein leichtes Frühstück ein und verlassen das Zelt, wo Eneko damit beschäftigt ist, die Skier an seinem Rucksack zu befestigen. Leider nimmt Oscar an diesem Besteigungsversuch nicht teil. Wir sind innerhalb von wenigen Tagen von 3000 m in Shimla auf 5000 m in diesem Hochlager heraufgekommen. Die Höhe und besonders die Kälte fordern unsere Gesundheit heraus und Oscar wird hinabsteigen müssen.
Der Wind hat nachgelassen, aber es ist immer noch sehr kalt. Unter diesen Bedingungen ist es unmöglich, mehr als ein paar Minuten still zu stehen. Wir schnallen unsere Skier und Rucksäcke auf und machen uns auf den Weg. Nach ein paar Stunden erreichen wir ein paar vertikale Felswände, die wir rechts umrunden, während wir einige Rinnen überqueren. Zusammen mit Kris versuche ich, so vorsichtig wie möglich zu sein, aber als wir die dritte Felsrinne durchqueren, löst sich der lockere Schnee vom Felsgipfel. Kris schreit auf und bewegt sich schnell nach rechts, zu den Felsen. Wenn die Schneelawine, die sich dann bildet, ein paar Minuten früher niedergegangen wäre, hätte sie unser Leben beendet. Eneko ist zum Glück noch ziemlich weit entfernt und daher außer Gefahr. Ich schaue Kris an, der mit einem Nicken auf eine Sonneninsel deutet, wo wir anhalten und auf Eneko warten können. Wir überlegen ein paar Minuten, während wir hinaufschauen. Wir müssen immer noch zwei Rinnen überqueren, bevor wir die Gipfelkrone und dann den eigentlichen Gipfel erreichen, aber die Schneebedingungen scheinen sich nicht zu verbessern. Etwa 400 vor dem Gipfel warten wir schweigend auf Eneko. Als er ankommt, spricht er klare Worte, die alle Hoffnung auf ein Weitergehen zunichte machen: „Es ist zu kalt. Ich fühle meine Füße nicht mehr. Tut mir leid, Leute, aber ich muss zum Zelt zurück.“
Ich weiß nicht, ob es Enekos Worte waren, der Schneefall oder die Tatsache, dass ich erst vor wenigen Tagen dem Tode so nahe war, aber mein Entschluss, den Besteigungsversuch aufzugeben, war ganz klar und ich fühlte mich wohler mit mir selbst, ruhiger und leichter, nachdem ich die Entscheidung getroffen hatte.
Manchmal braucht ein Bergsteiger kein härteres Training oder schwierigere Berge, um besser und stärker zu werden. Manchmal genügt eine Erfahrung, die einen zwingt, nachzudenken und klar zu verstehen, dass man nur ein Leben hat, und dass an einem Tag aufzugeben viele künftige Tage in den Bergen bedeuten kann. Auf dem Rückweg ins Basislager habe ich mehr im Gepäck: ein neues Bewusstsein, die Erfahrung einer Expedition, die mir geholfen hat zu wachsen, als Mensch ebenso sehr wie als Bergsteiger.
